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Pfingstmarkt in Merchingen


In Merchingen wird alljährlich zu Pfingsten ein Jahrmarkt, der sog. Pfingstmarkt abgehalten. Kaiser Maximilian, der sich sehr freigebig mit der Verleihung von Stadtrechten oder Marktkonzessionen für kleinere Orte zeigte, brachte auch Merchingen in den für damalige Zeiten begehrten Genuß eines jährlichen Marktes um Pfingsten. Schon im Jahre 1570 ist dieses Recht durch besonderes kaiserliches Schreiben erteilt worden, das also lautet:
„Es ist die hochadeliche Eigenthums-Herrschaft zu Merchingen von kaiserl. und königl. Majestät privilegirt, jährlich einen Markt in diesem Flecken zu halten und solchen nach ihrem Belieben auf Tag und Zeit zu bestellen und allemahl durch den Schultheißen und bürgerlichen Wächter mit Gewehr bewachen zu lassen, welcher Markt zwar vor der Zeit alle Jahr uff Sonntag Exaudi gehalten, jetzo aber umb gewisser bedenklichen Ursachen wegen auf den Dienstag nach Pfingsten verlegt worden, welcher nun jährlich auf solchen Tag angestellt werden soll. Das kaiserliche Privilegium heißt: Jahrmarktsfreyheit für Hannsen von Aschhausen.“

Folgendermaßen ist der Markt gehalten worden:
„Montags vorher abends um 4 Uhr wurde durch den Gemeinen-Knecht, welchem dafür 2 Maß Wein zugewiesen, der Markt ein- und Mittwochs hernach wiederumb in obgemellter Zeit ausgelitten, dass also die Marktfreyheit 48 Stunden anwehrt. Wenn nun solche Freyheit eingelitten, so stellt der Schultheiß die ganze Bürgerschaft uff dem Marktplatz vor dem Schloß in’s Gewehr, worauf diese Mannschaft mit klingendem Spiel durch etliche Gassen herumbziehen und sich hernach wieder uff vorigen Platz stellen, da sie von dem Schultheißen uff ihre bürgerl. Pflichen erinnert werden, wann sie von Dieberey, Schlägerey, Scheltworten und andern Ungebühren sehen oder hören, dass sie solches anzeigen sollen, allermaßen alles, was zwischen währender Marktfreyheit Sträfliches passiert, von der Dorfherrschaft abgestraft wird und darf die Centherrschaft sich dessen in keinem dergleichen Vorfällen anmaßen und Eintrag thun. Das Standtgeldt wird vom Machtcorporal und beyden Bürgermeistern in eine verpetschirte Schachtel eingesammelt, hernach bei der Herrschaft oder deren Beambten eröffnet; davon ist vor allem for Schultheißen, Bürgermeister, Marktmeister, Corporalen und Tamboure eine willkürliche Zehrung zu geben, hernach for die Herrschaft 2/3tel genohmen und das übrige 1/3tel der Gemeinde alter Observanz nach gegeben wird. Vorher aber, wann Dienstags umb 12 Uhren der Markt angeht, ziehet die Bürgerschaft wiederumb ub, als dann wird bei dem Gewehr Macht gehalten, bis Mittwochs nach dem Ausleithen der Markt abermalen mit einem dergleichen Umbzug beschlossen wird. Außer diesem bringt die alte Gewohnheit mit sich, dass ein jeder Beck, der feil hält, dem Schützen for 2 Kreuzer Weck geben muß und ihm dagegen wieder kein Standtgeldt angefordert wird. (Dasselbe betrug noch 1816: 2 Gulden 20 Kreuzer).“

Die Feierlichkeit, mit welcher in alter Zeit dieser Markt umgeben war, ist längst dahin. Dieser Markt, kam früher für die gesamte Gegend etwa einem Winterschlussverkauf gleich. Bis zur Jahrhundertwende und darüber hinaus bis in die neunziger Jahre versorgte sich der Bauer auf diesem Markt mit allem Notwendigen, angefangen vom Taschenmesser über Strohhut und Arbeitshose bis zum Rechen, Kälberstrick und zur Kuhkette. Es waren für die Geschäftswelt und die Gemeinde wichtige Tage. Dieser Pfingstmarkt bedeutete also ein wichtiges wirtschaftliches Ereignis. Merchingen, das vor der Zeit der Motoren einen Einwohnerstand von rund 1250 erreicht hatte, war wichtiger Handelsplatz. Hier kreuzten sich drei Handelsstraßen: Die eine stellte die Verbindung her zwischen Maingebiet und Hohenlohe und führte von Frankfurt und Miltenberg über Schwäbisch Hall bis ins Bayerische Gebiet (vom Jagsttal kommend führte sie über Merchingen und Rosenberg). Eine andere leitete die Waren von Frankreich nach Nürnberg und zog von Adelsheim her über die Dörnishöfer Heide. Schließlich führte die sogenannte „Sachsenstraße“ von Wittstadt kommend auf der Höhe an Hüngheim und Merchingen vorbei in Richtung Widdern und weiter nach Stuttgart und die Schweiz. So fanden sich zu jedem Markt eine große Zahl von Kaufleuten, die „feilhielten“, und Kauflustige, die fleißig ihre Geldbörsen öffneten. Der Bauer erstand sich auf dem Pfingstmarkt seine persönlichen und beruflichen Bedürfnisse für das ganze Jahr. Der Händler machte sein Geschäft, und beide saßen dann noch recht lange beim ausgiebigen Vesper und guten Tropfen beisammen. Es fehlte beim Markttreiben keineswegs an froher Heiterkeit und des Abends am „ehrbaren Tänzchen“, doch alles zur rechten Zeit und im rechten Maß.

Wenn es heute auch nur noch ein einziger Markttag ist, der dazu vom Glanz und der Bedeutung früherer Jahre nur noch den Namen trägt, so möchte doch niemand den Pfingstmarkt in Merchingen missen. Er ist alljährlich ein frohes Treffen von Verwandten und Bekannten bei einem guten Gläschen. Dieser Markt, der früher für die ländliche Bevölkerung Merchingens und der umliegenden Gemeinden eine große Bedeutung hatte, ist zu einem kleinen Krämermarkt geworden, der jedoch besonders für die Jugend seine Anziehungskraft nicht verloren hat. Für die ältere Generation ist er zu einem Tag des Wiedersehens und des frohen Treffens geworden.

Jedes Jahr ist ein großer Vergnügungspark mit Schaustellerunternehmen, Schiffschaukel, Kinderkarussell, Schieß- und Losbude, Spielwaren, Haushaltswaren, Kleidung, Büchern usw. vertreten. Die Ravensteiner Gewerbetreibenden veranstalten anlässlich des Pfingstmarktes im Schloss eine Gewerbeschau und informiert die Gäste über neue Trends und Produkte.

Überzeugen Sie sich selbst:
Der Merchinger Pfingstmarkt ist auch heute noch, nach 445 Jahren, einen Besuch wert.