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Bauern-Jörg aus Ballenberg

Der Ochsen-Wirt Georg Metzler im Bauernkrieg


Wie er ausgesehen hat, wie er dachte und lebte, hat kein Zeitgenosse überliefert. Bis zum Ausbruch des Bauernkrieges war es auch nicht sonderlich erwähnenswert, das Leben des Mannes, dessen Name mit dem aufregenden Abschnitt der deutschen Geschichte zwischen 1520 und 1525 so eng verknüpft ist: Georg Metzler, der Bauernführer von Ballenberg. Der Feldschreiber des Pfalzgrafen bei Rhein, Peter Haarer, beginnt seine „eigentliche wahrhafftige Beschreibung des Bawrenkrieges“ so: „Insonderheit erhob sich ein Zusammenrotten und Zusammenlaufen aus allen umliegenden Orten – ungestüm und in Haufen, wie die Bienen, die schwärmen – auf Anstiften des Georg Metzler, der ein Wirt in einem mainzischen Flecken war, Ballenberg genannt, auf dem Odenwald gelegen; der hatte seine Tage größtenteils mit Spielen, Prassen und allem leichtfertigen Wesen verbracht… Innerhalb kurzer Zeit kamen die Bauern im Schüpfergrund, am Odenwald gelegen, zuhauf, und es wurde der genannte Jörg Metzler als ihr oberster Hauptmann eingesetzt.“

Das hört sich, wie Heimatforscher Heimberger bereits feststellte, mehr wie eine üble Nachrede an, ein nachträglicher, bezahlter Rufmord aus dem Lager der Bezwinger jener „tumben Bawren“, die sich unter dem Bundschuh oder Regenbogen sammelten und wider ihre Herren stritten.
 
Heimberger meint dazu: Selbst wenn das Wortspiel des Volksmundes „Wer nichts wird, wird Wirt“, auf Metzler zugetroffen hätte, wer möchte glauben, dass ein kleiner Schankwirt in einem Bauerndorf seinen Tag über mit Würfeln und Karten, mit Faulenzen und Vespern und Weibern zugebracht hätte! Im Mittelalter ebenso wenig wie heute. Unzweifelhaft hatte er mehr Zeit als seine bäuerlichen Dorfgenossen, über die Unzuträglichkeiten und Missstände im Lande nachzudenken, die gerade den kleinen Mann am meisten drückten. Und als dann das Flugblatt mit den 12 Artikeln ihm ins Haus flatterte, saß er wohl tagelang in der Wirtsstube und buchstabierte mühselig, aber verbissen die aufrührerischen Sätze zusammen. Wenn dann abends die Bauern zu ihm in den „Ochsen“ kamen und das Gespräch von Saat und Ernte und Vieh zu den Steuern und Abgaben überwechselte und so eine Wendung ins Politische nahm, da horchten die Bauern auf, wenn Metzler ihnen die neuen Lehren vortrug. Was wunder, wenn’s dann im „Ochsen“ zu Ballenberg bis in die späte Nacht hinein hitzig herging, wo doch die Ballenberger im Volksmund sowieso den Namen die „Bremen“ (Bremsen) tragen.
 
So wird es wohl gewesen sein, dass die Wirtschaft und ihr Wirt bald in näherer und weiterer Umgebung der Treffpunkt aller Unzufriedenen wurde. „Dann auf den Sontag Letare (26. März) schlugen sich etliche Bauern zu Oberschipf am Otenwald zusammen, nahmen ain Trumeln und ain Stangen, daruf sie ain Schuhe gesteckt hetten, und zogen damit uf Unterschipf.“
 
Wenn Metzler zu dem von seinem Heimatort nur 18 Kilometer entfernten Unterschüpf auf das Bauerntreffen gekommen war, so war es gewiß dort, wo er zum Führer des Odenwalder Haufens gewählt wurde.

Zum Vorgehen der Bauern meint Heimberger: Es hieße die bäuerliche Sinnesart verkennen, wenn man annehmen würde, dass bloßes Krakehlertum und hetzerischer Redefluß an die 3000 Bauländer, Odenwälder und Schüpfergründer Bauern dazu bewegt haben könnte, Hof und Stall und saatbereites Feld im Stich zu lassen, den Schnappsack umzuhängen und mit Sensen, Morgensternen, Hellebarden, Dreschflegeln bewaffnet durchs Land zu ziehen: Bauern, die damals nicht anders geartet waren, denn heute und sonst langsam und bedächtig und überlegt an eine Sache herangehen.

Sie mussten schwer gegen die Herrischkeit von Adel und Geistlichkeit empört gewesen sein, um all diese seelischen Bindungen und Hemmungen zu überwinden, zumal sich unter ihnen auch zahlreiche Schultheißen oder Schöffen, erprobte Männer, befanden.
 
Der Zug des Bauernheeres ist bekannt. In den Schilderungen der Weinsberger Bluttat ist Metzler nicht genannt. Dagegen soll er, als in den Tagen des Heilbronner Bauernparlaments das Karmeliterkloster und das Ordenshaus der Deutschritter geplündert wurde, sich einen Sack mit mehr als 1000 Gulden angeeignet haben. Aber ist das etwa eine Handlungsweise, die dem Anführer eines Heeres im Mittelalter nicht ansteht?
 
Seit der furchtbaren Niederlage bei Königshofen, in der die Bauern vom Adel zu Tausenden abgeschlachtet wurden, gilt Jörg Metzler als verschollen. Lorenz Fries schildert den grausigen Tag: „… Inzwischen kamen die Reisigen vom gewaltigen Haufen (Gros der Armee) und erschlugen an diesem Tag bei 4000 Bauern. Die Hauptleute und Obersten der Bauern aber hieben den Wagenpferden die Stränge ab, setzten sich darauf und entkamen fast alle.“ Durch die Beschreibung der unheldischen Flucht der Rottenführer wurde die ganze Volksbewegung über Jahrhunderte hinweg in Verruf gebracht.
 
Im Ballenberger Rathaus soll bis in die 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts das Brechrad aufbewahrt worden sein, mit dem neun der Ballenberger Genossen Metzlers gefoltert und hingerichtet wurden. Die alte Wirtsstube aber, in der noch lange eine hölzerne Säule zu sehen war, in die die Verschworenen ihre Namen eingeritzt hatten, ist längst umgebaut, so dass heute nichts mehr an den ehemaligen Bauernführer erinnert….